Vom Schaf, dem schwarzen
Das Schaf, das schwarze, es fasst einen Beschluss: „Ich werde mich allein auf den langen Weg zu unser aller Schöpfergott machen. Vor ihm werd’ ich meines Leidens Klage führen. Er hält, wie es heißt, doch alle Macht in Händen, mag er mein Schicksal bessern.“ Still und unbemerkt, denn niemand wusste von seinem Plan, ruderte es durch die Flut der weißen Schafe bis an den Rand der großen Herde, sprang dann in einem günstigen Moment ungesehen, unbemerkt hinter dichtes Buschwerk, wartete ungeduldig die vielen Minuten, bis die Herde sich weit genug verzogen hatte, nutzte die sich so zäh dahinwälzende Zeit, um in seinem Versteck ein wenig Futter für den langen Marsch zu finden. Gut gesättigt brach es auf. Über Stein und Stock, durch Wald und Wiese, über Ähren und Äste, durch Bäche und Büsche, über Unkraut und Unrat, durch Geäst und Gestrüpp, über Felder und Furchen. Nach sieben Tagen war es am Ziel.
Das schwarze, das Schaf, es klopfte manierlich und höflich an. Ohne irgendwelche Förmlichkeiten ward ihm aufgetan. Dann stand es vor Gott. „Nur keine Zeit verlieren“, dachte es, „die Zeit scheint günstig.“ „Komm ruhig näher!“, hörte es eine klare, sonore Stimme, „ich habe dich auf deinen gewundenen Wegen schon längst daherkommen sehen.“ Das seiner Farbe wegen unzufriedene Schaf begann zu stottern: „DuDu, GGGott, höre mein AAnliegen. Ich bin schwarz, und deshalb verachtet mman mich, frisst mir aalles weg und tritt mich. Das kannst du doch nicht ggewollt haben, als du mich so schwarz in die Welt ggestellt hast. Bitte mmach was!“ Eine lange Pause. Gott holte tief Luft. Das klingt schon sehr eigenartig, wenn ein Geist Luft holt. „Wusste gar nicht, dass es im Himmel Luft gibt. Ich hatte mir Vakuum vorgestellt, ein Himmel voll von Vakuum. Na ja, Schafe können eben irren. Oder vielleicht nur die schwarzen? Nicht auszuschließen“, dachte das Schaf, das schwarze. Es war überzeugt, dass Gott mit so viel Luft überhaupt nicht würde sprechen können. Aber, siehe da, es ging.