Notizen eines Dorforganisten
Doch ich kann nichts anderes als improvisieren. Wilde Toncollagen, Tonschichten, sich durchdr ingende Tonebenen, Ket ten von dissonanten Tonkombinationen. Ich möchte es der Architektur analog dekonstruktivistische Orgelimprovisationen nennen. Es ist das auf die Tasten gelegte Guggenheim-Museum von Bilbao, Sie wissen schon, das von Frank Gehry, oder das in Töne versetzte Stuhlmuseum in Weil, Sie wi ... eben, auch von Frank. Aber natürlich ist das Ergebnis meiner Geräuscherzeugung nicht so perfekt wie die Originale, von denen ich mich erdreiste ,abzukupfern. Nicht mehr der einzelne Ton ist mir wichtig, er darf, er soll verschwimmen in einer Schallkulisse. Und wenn meine Finger an Zahl und Geschwindigkeit nicht mehr ausreichen, mag der ganze Arm helfen und so viele Tasten niederdrücken, als er erwischen kann, damit nur ja kein einziger Ton im Spiel verloren gehe. Heißt es nicht, dass Gott alle Töne erschaffen hat; also warum erfrechen wir uns, diesen oder jenen Ton einen falschen Ton zu schimpfen! Er soll sie alle hören.
Man muss Gott mit allem konfrontieren, was er erschaffen hat, wie sollte
er sonst Mitleid entwickeln können.
So will ich es. Was andere wollen, kann ich nicht, will ich auch nicht. Wems nicht passt, der möge seine Ohren schließen. Ich kann nur, was ich kann, und nichts anderes. Hols der Teufel!
So frage ich mich bisweilen, was ist besser, ein Organist, der den Leuten musikalisch die Ohren deformiert, die sich aber dennoch freuen, dass die Orgel sie begleitet und ein wenig Festlichkeit in den Dienst an Gott hineinträgt, oder aber gar kein Organist. Solange mich Gott am Leben erhält, muss ich daraus schließen, dass er zur ersteren Auffassung neigt; so also sei es, dass ich weiter spiele.